Kopfreisen im Museum

Die Herbstferien sind zu Ende, bis Weihnachten dauert es noch eine Weile. Allen, die ob der bevorstehenden Wintermonate Fernweh verspüren, empfehle ich einen Besuch unserer neuen Wechselausstellung «In 80 Minuten um die Welt – Reise durch die Sammlung»: kostengünstig und CO2-neutral schicken wir Sie um den ganzen Globus.

Zu Fuss oder per Tram an den Helvetiaplatz und die Reise beginnt. In die Südsee oder nach Afrika, nach Paris oder Athen – in ferne Länder und vergangene Zeiten können Sie in unserem Museum reisen. Die weitesten und manchmal auch abenteuerlichsten Reisen unternimmt man schliesslich mit dem Kopf. Was grundsätzlich für jeden Museumsbesuch gilt, haben wir in der Ausstellung «In 80 Minuten um die Welt – Reise durch die Sammlung» zum Prinzip erhoben: Acht Destinationen stehen zur Auswahl, an Hand derer Sie die Breite und Fülle unserer 500’000 Objekte umfassenden Sammlung erleben können.

Und wir schicken Sie nicht allein auf Reisen. Neun Schweizer Künstlerinnen und Künstler aus Literatur und Musik stehen Ihnen als kompetente Reiseleiter in Form eines Audioguides zur Verfügung. Ihre fantastischen Geschichten führen Sie entlang von ausgewählten Objekten nach Athen, über die Seidenstrasse, ins Berner Oberland, in die Südsee, in die Romandie nach Avenches, nach Paris, durch die Stadt Bern oder nach Westafrika – und jeweils auch wieder sicher zurück an den Helvetiaplatz.

Die Vorteile der Kopfreisen sind nicht von der Hand zu weisen: Unser Wechselausstellungssaal verspricht ein angenehmes Klima, Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind konstant. Weder Moskitoschutz noch Sonnencreme sind erforderlich; und gegen Magen-Darm-Probleme sind Sie ebenfalls gefeit. Einzig vor dem Reisefieber muss ich warnen – so konnte ich Besucher beobachten, die selbst nach ausgedehnten Aufenthalten in fernen Gefilden erneut das Check-In aufsuchten um immer wieder zu einer neuen Reise aufzubrechen…

Blick in die Reiselounge der Ausstellung «In 80 Minuten um die Welt – Reise durch die Sammlung»

Blick in die Reiselounge der Ausstellung «In 80 Minuten um die Welt – Reise durch die Sammlung»

Geschichte und Gegenwart

Vor wenigen Tagen haben wir unsere Kooperationsausstellung mit dem Architekturforum Bern «Endlich diese Übersicht – Ein Stadtmodell für Bern» eröffnet. Sie regt die Erstellung eines aktuellen, öffentlich zugänglichen Stadtmodells an. Das Bernische Historische Museum blickt damit nicht nur in die Vergangenheit, es bietet Raum für die Diskussion von Gegenwartsfragen.

Als das Architekturforum Bern vor einem Jahr mit dem Anliegen an uns herantrat, eine Ausstellung zu einem noch nicht bestehenden aktuellen Stadtmodell in unserem Museum zu zeigen, war für uns rasch klar: Ja, das machen wir. Für eine Auseinandersetzung über die Frage «Braucht Bern ein aktuelles Stadtmodell?» ist unser Haus ein guter Ort – zumal unser historisches Stadtmodell «Bern um 1800» bereits sehr eindrücklich zeigt, was ein Stadtmodell zu leisten vermag, nämlich: Endlich diese Übersicht.

Eine Gegenüberstellung dieses historischen Stadtmodells mit einem temporären, aktuellen Stadtmodell in Fragmenten erschien mir reizvoll. Nicht zuletzt weil sie zeigt, dass unsere Gegenwart nicht ohne die Vergangenheit zu verstehen ist. Was ist, hat einen Grund, dass es ist, und dass es so ist, wie es ist. Ohne Kenntnis der Vergangenheit lassen sich weder die Gegenwart verstehen noch die Zukunft planen. Es ist eine der zentralen Aufgaben eines historischen Museums, genau dieses Bewusstsein und Verständnis für diese Zusammenhänge zu fördern.

Aus diesem Grund umfasst die Ausstellung neben dem fragmentarischen Stadtmodell aus Gipsmodellen aktueller Bauprojekte und einem interaktiven Rundgang durch Bern in 3D auch vielfältige Verbindungen in unsere Dauerausstellungen: neben dem historischen Stadtmodell zu Objekten, die für die Entwicklung der Stadt Bern seit dem Mittelalter bis in die jüngste Vergangenheit stehen. Am besten Sie verschaffen sich selbst eine «Übersicht» – noch bis zum 27. September 2015!

Blick in die Ausstellung «Endlich diese Übersicht – Ein Stadtmodell für Bern»

Blick in die Ausstellung «Endlich diese Übersicht – Ein Stadtmodell für Bern»

Das historische Modell der Stadt Bern um 1800

Das Modell der Stadt Bern um 1800 in unserer Dauerausstellung «Vom Frühmittelalter zum Ancien Régime» ist ein Highlight für Jung und Alt. Sowohl Bernerinnen und Berner als auch Touristen aus nah und fern verbringen oft lange Zeit vor der eindrucksvollen Stadt im Kleinformat und staunen ob der Detailtreue, aber auch ob der Veränderungen, welche die Stadt im Laufe der vergangenen 200 Jahre durchgemacht hat.

Das Stadtmodell «Bern um 1800» zeigt die Stadt Bern im Massstab 1:500, so, wie sie vor 200 Jahren aussah: Die Untertorbrücke war damals die einzige Verbindung über die Aare. Entsprechend waren Stadtteile wie das heutige Kirchenfeld und der heutige Breitenrain noch ländlich und kaum bewohnt. Neben der Heiliggeistkirche stand noch der Christoffelturm, das westseitige Haupttor der Stadt Bern. Noch stand die mächtige Schanzenanlage, die wenige Jahrzehnte später der wachsenden Stadt Bern Platz machen musste. Auf den Überresten der grossen Schanze steht heute das Hauptgebäude der Universität.

So wie mir geht es den meisten Bernerinnen und Bernern beim Betrachten des Stadtmodells: Sie vergleichen früher mit heute, erkennen bekannte Strassenzüge wieder, entdecken vielleicht ihr eigenes oder ein ihnen bekanntes Haus in der Altstadt und staunen über die Veränderungen – oder auch darüber, dass sich an der Grundanlage der Altstadt nicht viel verändert hat. Aber auch für Touristen ist das Stadtmodell eine Attraktion, denn es bietet eine einmalige Gelegenheit, Bern «en miniature» kennenzulernen. Das Modell ermöglicht einen unmittelbaren Überblick über die Stadt, dreidimensional macht es topografische und städtebauliche Zusammenhänge begreifbar.

Ein Blick auf unser historisches Stadtmodell «Bern um 1800» lohnt auf jeden Fall. Besonders spannend ist ein Besuch in der Zeit vom 26. August bis 27. September 2015, wenn wir in der Ausstellung «Endlich diese Übersicht – Ein Stadtmodell für Bern» in Kooperation mit dem Architekturforum Bern ein temporäres aktuelles Stadtmodell in Fragmenten zeigen.

Blick auf das Stadtmodell «Bern um 1800» in der Dauerausstellung «Vom Frühmittelalter zum Ancien Régime»

Blick auf das Stadtmodell «Bern um 1800» in der Dauerausstellung «Vom Frühmittelalter zum Ancien Régime»

Morphium und Birkenteer

Entgegen den romantischen Vorstellungen vom Leben am See waren die Lebensbedingungen der Pfahlbauerinnen und Pfahlbauer hart; schwere Arbeit, mangelhafte Ernährung, Krankheiten und Unfälle waren Gründe für eine niedrige Lebenserwartung. Doch Funde aus Pfahlbausiedlungen belegen, dass die medizinische Versorgung zur Jungsteinzeit gar nicht so rudimentär war, wie man heute vielleicht vermuten würde.

Zwei Objekte in unserer Pfahlbauer-Ausstellung deuten darauf hin, dass zur Zeit der Pfahlbauer durchaus bereits Massnahmen zum Erhalt und zur Wiederherstellung von Gesundheit bekannt waren: Besonders eindrücklich ist der trepanierte Schädel einer Frau um 4000 v.Chr. aus Corseaux (VD), der darauf hindeutet, dass Operationen am Schädel bereits in der Jungsteinzeit durchgeführt wurden – und das mit erstaunlichem chirurgischen Geschick, denn die Frau aus Corseaux hat den Eingriff überlebt. Unklar ist, bei welchen Krankheitsbildern diese Trepanationen durchgeführt wurden. Bei Kopfschmerzen? Möglicherweise auch bei Epilepsie? Zur Dämonenaustreibung? Als Initiationsritus?

Ein erstaunliches «Medikament», das zur Pfahlbauzeit weitverbreitete Anwendung fand, ist Birkenteer, der wie Kaugummi gekaut wurde. Die aufwändig aus Birkenkork gewonnene Masse enthält den Stoff Betulin und wirkt entzündungshemmend, antibakteriell, antiviral und narkotisierend – kurz: Sie war ein «Allerweltsheilmittel» gegen Zahn- und Halsschmerzen, aber auch gegen Hautkrankheiten, zur Förderung der Wundheilung sowie bei Gicht und Rheuma. Möglicherweise wurde aber auch einfach des Kauens willen gekaut, zur Entspannung oder zum Stillen von Hunger- oder Durstgefühl. Zwei solcher 5000 Jahre alten «Kaugummis» sind in unserer Ausstellung zu sehen.

Sicherlich hatten die damaligen Menschen auch Kenntnisse in Pflanzenheilkunde und wussten um die Wirkung bestimmter Kräuter. So wurden bei der Untersuchung von Kotresten beispielsweise Sporen von Wurmfarn entdeckt, der gegen Darmparasiten wirksame Substanzen enthält. Schlafmohn wurde als Nutzpflanze kultiviert – ob zur Gewinnung von schmerzstillendem Morphium oder wegen der essbaren Samen wissen wir nicht.

Zwei «Kaugummis» aus Birkenteer, um 3200 v.Chr., Kantonsarchäologie Zürich.  Zahnabdrücke auf Birkenteer-Kaugummis geben Hinweise auf Alter und Gesundheit der Kauenden.

Zwei «Kaugummis» aus Birkenteer, um 3200 v.Chr., Kantonsarchäologie Zürich.
Zahnabdrücke auf Birkenteer-Kaugummis geben Hinweise auf Alter und Gesundheit der Kauenden.

Gold in Kupfer in Bronze

Während der Sommermonate unserer Ausstellung «Die Pfahlbauer – Am Wasser und über die Alpen» wurde im Museumspark eine experimentalarchäologische Metallwerkstatt betrieben. Besucher konnten dort miterleben, wie Fundstücke aus einem frühbronzezeitlichen Fürstengrab in Thun-Renzenbühl mit damaligen Techniken nachgebildet werden. Nicht nur für Besucher war dies ein lehrreiches Angebot – auch für die Wissenschaft wurden wertvolle Erkenntnisse gewonnen.

Zwei Kleidernadeln, ein Gürtelhaken, sechs Halsringe, ein Dolch, ein Diadem und ein Beil umfasst das Inventar des Fürstengrabes von Thun-Renzenbühl aus der frühen Bronzezeit (ca. 1800 v.Chr.), das in der Metallwerkstatt im Rahmen unserer Ausstellung nachgebildet wurde (und im Original noch bis zum 11.1.15 in der Ausstellung zu sehen ist). Besonders das Beil ist von herausragender Bedeutung – zählt es doch zu den herstellungstechnisch komplexesten Objekten, die man aus dieser Zeit kennt: Aus Bronze gegossen sind auf beiden Seiten des Beils Kupferbänder mit insgesamt 198 rautenförmigen Goldstiften eingelegt.

Die Nachbildung dieses Prunkbeils war deshalb auch der spannendstes Teil der experimentalarchäologischen Arbeit von Archäotechniker Markus Binggeli. Noch nie zuvor war versucht worden, mit authentischem Werkzeug die gesamte Herstellung dieses Objektes nachzuvollziehen. Bis dato gab es nur Theorien darüber, wie zu einer Zeit, als es noch keine Stahlwerkzeuge gab, ein so kunstvoll verziertes Beil entstehen konnte.

Binggeli verwendete für die Nachbildung ausschliesslich prähistorische Werkzeuge und Materialien, die in der Umgebung der Fundstelle vorhanden waren. Seine Werkstatt bestand aus einer offenen Feuergrube, Steinamboss und -hämmern, Schleif- und Poliersteinen und wenigen Bronzewerkzeugen. Mit Hilfe dieser einfachen Ausstattung wurde Metall gegossen, geschmiedet, ziseliert, tauschiert und poliert – bis nach ca. 80 Arbeitsstunden das fertige Prunkbeil in Originalgrösse vorlag.

Dank der Erfahrungen Binggelis können nun einige theoretische Ansätze zum Herstellungsprozess korrigiert und durch neue Informationen ergänzt werden.

Grabensemble

Gegenüberstellung der Originalfunde aus dem Fürstengrab in Thun-Renzenbühl mit den Repliken aus der experimentalarchäologischen Metallwerkstatt im Museumspark.

Catwalk der Nadeln

Mode ist keine Erfindung unserer Zeit: Schon bei den Pfahlbauern und Pfahlbauerinnen diente Kleidung nicht nur dazu, den menschlichen Körper vor Kälte und anderen äusseren Einflüssen zu schützen, sondern auch, ihn ästhetisch zu gestalten und sich zu unterscheiden. Spätestens als in der Bronzezeit Gewandnadeln als Schmuck und Kleiderverschluss aufkamen, konnte man damit der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und vielleicht auch der persönlichen Abgrenzung von anderen modisch Ausdruck verleihen.

In unserer Pfahlbauer-Ausstellung gibt es eine Installation, die diesem modischen Accessoire besondere Beachtung schenkt. Wir nennen sie den «Catwalk der Nadeln». Es handelt sich um eine kunstvolle Aneinanderreihung von 90 Gewandnadeln in verschiedenen Grössen, allen erdenklichen Formen, mit und ohne Verzierungen und aus diversen Fundorten aus dem Zeitraum 2000 bis 800 v.Chr.

Blick auf den «Catwalk der Nadeln» in der Ausstellung «Die Pfahlbauer – Am Wasser und über die Alpen»

Chronologisch aufgereiht, lassen diese Nadeln modische Trends erkennen: Während zu Beginn der Bronzezeit um 2000 v.Chr. sogenannte Scheibenkopfnadeln mit flachen, grossen Köpfen und geometrischen Mustern «en vogue» waren, ging der Trend anschliessend hin zu kleineren, spindelförmigen Köpfen. Um 1400 v.Chr. trug man Trompetenkopfnadeln mit oben abgeflachten Köpfen, ähnlich heutigen Nagelköpfen; nur 200 Jahre später hatten die Nadeln einen kunstvoll gerippten Hals. Diese Mode wurde dann zunächst von kleinen, kegelförmigen, später von grösseren, hohlen Köpfen abgelöst (Bombenkopfnadeln, um 1000 v.Chr.). Zum Ende der Bronzezeit um 800 v.Chr. waren Vasennadeln mit zweifach abgesetztem Kopf das Must-have.

Auch in der Länge der Nadeln gibt es grosse Unterschiede – von der kleinsten mit 8.1 cm zur längsten mit 53.5 cm. Die Länge ist jedoch weniger ein chronologisches als vielmehr ein funktionales Merkmal: Besonders lange Nadeln dienten vermutlich nicht als Gewandnadeln sondern möglicherweise als Opfer- oder Grabbeigaben. Regionale Unterschiede werden auf dem «Catwalk der Nadeln» ebenfalls ersichtlich: Während beispielsweise die Scheibenkopfnadeln ausschliesslich im Wallis vorkamen, trugen Frauen aus der Region um den Thunersee ganz andere Typen. Auch Ohrringe und Armspangen lassen sich derart der einen oder anderen Tracht zuordnen.

Gewandnadeln haben in der Pfahlbauforschung deshalb grosse Bedeutung: Einmal dem entsprechenden «Modetrend» zugeordnet, sind sie wichtige Datierungshilfen für Archäologen. Sie erlauben die zeitliche Einordnung von Funden und geben Rückschlüsse auf Handelsrouten. Da ganze Kleidungsstücke nur selten erhalten sind, liefern sie ausserdem wertvolle Hinweise auf die Schnitte der Gewänder und ermöglichen eine Vorstellung von der Kleidung der Pfahlbauer.

Ziegenleder versus Gore-Tex

Vor einigen Wochen unternahmen drei Museumsmitarbeiterinnen eine Bergtour zum Schnidejoch, wo im Sommer 2003 die in unserer aktuellen Ausstellung präsentierten Gletscherfunde entdeckt wurden. Die drei waren bestens ausgerüstet mit Hightech-Bergschuhen, wind- und wasserdichten Regenjacken, atmungsaktiven Softshellpullovern, Funktionsunterwäsche, Teleskop-Trekkingstöcken, Rucksäcken mit belüftetem Rückensystem… und ich frage mich: Wie waren jene Menschen ausgerüstet, die vor nahezu 5000 Jahren diese Route begangen haben?

Dank der Gletscherfunde vom Schnidejoch können wir heute nachvollziehen, mit welcher Ausrüstung sich der jungsteinzeitliche Jäger «Schnidi» um 2800 v.Chr. auf die Wanderung über den Pass machte: Fragmente eines Umhangs aus Weidenbast, Teile eines Hosenbeins aus Ziegenleder sowie Reste eines Lederschuhs lassen Vermutungen zu, wie es ihm bei seinem Marsch vom Berner Oberland ins Wallis erging.

Seine Kleidung aus Ziegenleder war für heutige Massstäbe kaum atmungsaktiv und transportierte den Schweiss nur sehr schlecht von der Haut weg. Sie war zudem um einiges schwerer als moderne Funktionskleidung und trocknete sehr viel langsamer. Aber vor Kälte und Wind war «Schnidi» dank seiner Lederkleidung recht gut geschützt. «Schnidis» Umhang aus Weidenbast schneidet punkto Funktionalität gar nicht schlecht ab: Das sehr leichte Geflecht aus Baumbast war isolierend, wasserabweisend und hielt den Träger warm und trocken. Es war ausserdem vielseitig einsetzbar: als Umhang, Decke oder Schlafsack. In «Schnidis» Schuhen wiederum möchte ich keinen Berg erklimmen müssen: Das Leder war weder wasserdicht noch halten die jungsteinzeitlichen Schuhe in Sachen Griffigkeit und Stabilität dem Vergleich zu moderner Ausrüstung stand.

Alles in allem können wir uns heute wohl sehr viel komfortabler und zweckmässiger kleiden als «Schnidi» vor 5000 Jahren – wäre ja auch erstaunlich, wenn wir in all dieser Zeit nichts dazugelernt hätten.

Auf dem Schnidejoch geborgenes Fragment eines Lederschuhs mit Riemchenteilen und Flicksohle, um 2900 v. Chr. – 2600 v. Chr. (© Archäologischer Dienst des Kantons Bern)

 

Zwischen Mythos und Hightech

Das SJW-Heft Nr. 18 «Die Pfahlbauer am Moossee» war mit über 800’000 verkauften Exemplaren eines der erfolgreichsten dieser beliebten Reihe. Auch ich wuchs auf mit dem darin vermittelten, romantisierten Bild der Pfahlbauer als idyllisch am See lebende «Urväter der Helvetier». Es ist faszinierend, wie sehr sich dieses Bild dank immer neuer Erkenntnisse der Forschung bis heute verändert hat.

Von der Entdeckung der ersten Pfahlbauten 1854 bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Pfahlbauer Sinnbild einer ursprünglichen, friedfertigen Gesellschaft, deren Leben am See uns scheinbar vertraut war. Der fortschreitende Erkenntnisgewinn der Wissenschaft veränderte dann nach und nach unser Bild von den ersten Bewohnern unserer Region. Vor allem durch den Einbezug verschiedener naturwissenschaftlicher Methoden wurde das Bild vom Leben in der Jungsteinzeit und Bronzezeit immer detaillierter – und wird es weiterhin.

So erlaubt beispielsweise die Dendrochronologie die Datierung von Holzresten durch die Analyse von Jahresringen nahezu auf das Jahr genau. Ähnlich genaue Informationen liefert die Radiokarbondatierung, mit deren Hilfe das Alter von organischen Materialien bis zu einem Alter von ca. 50’000 Jahren bestimmt werden kann. Archäobotanische und archäozoologische Analysen von Pflanzenresten und Tierknochen bringen Erkenntnisse zu prähistorischen Ernährungsgewohnheiten, domestizierten Pflanzen und Tieren, zu Anbaumethoden und sogar Kochrezepten. Die Pollenanalyse lässt Schlüsse auf die Entwicklung des Klimas und der Pflanzenwelt zu Schnidis Zeiten zu. All dies bringt eine faszinierende Vielfalt neuen Wissens über unsere Vorfahren in der Pfahlbauzeit. Und wenn vielleicht doch noch einmal die Leiche unseres jungsteinzeitlichen Jägers gefunden wird, erfahren wir – wie bei seinem Südtiroler Kollegen Ötzi –, dass er Karies und Bandscheibenprobleme hatte.

Beitrag auf RTS Un zum Einsatz der Dendrochronologie in der Pfahlbauforschung (auf Französisch).

Beitrag auf RTS Un zum Einsatz der Dendrochronologie in der Pfahlbauforschung (auf Französisch).

Mit dem Schiff zur Sitzung

Am kommenden Samstag habe ich einen Termin und mache gleichzeitig einen Ausflug an einen zauberhaften Ort. Die jährliche Hauptversammlung unseres Fördervereins findet nämlich immer in Oberhofen am Thunersee statt, einem Ort, der Feriengefühle weckt. Dieser Anlass ist mir jedes Jahr eine grosse Freude – nicht nur des wunderschönen Ambientes wegen.

Den „Verein zur Förderung des Bernischen Historischen Museums“ gibt es schon fast so lange wie unser Museum. 1901 wurde er von Menschen gegründet, die das Museum in seinen Aufgaben unterstützen wollten. Heute zählt der Verein mehr als 1400 Mitglieder – und viele davon finden sich alljährlich im Schloss Oberhofen zur Hauptversammlung ein.

Meist ist schon die Anreise ein Vergnügen, denn Oberhofen ist von Thun aus mit dem Schiff erreichbar. Der offizielle Teil der Versammlung findet dann im Klösterli Oberhofen statt. Die Präsidentin Annelies Hüssy berichtet über die Tätigkeiten des Vereins, ich über die des Museums – und rasch geht man anschliessend zum gemütlichen Teil des Nachmittags über: Das Zvieri auf der Schlossterrasse! Das Schloss Oberhofen mit seinem Park ist ein ganz besonderer Ort. Mit Blick auf den Thunersee und die Gipfel des Berner Oberlandes lässt es sich vortrefflich über die Pläne für das kommende Vereinsjahr diskutieren, über die nächste Ausstellungseröffnung, die Kulturreise nach Italien oder den bevorstehenden Vereinsausflug. Von all diesen Angeboten kann man als Mitglied nämlich profitieren – ganz abgesehen von der wertvollen Unterstützung für das Bernische Historische Museum, die man mit seiner Mitgliedschaft leistet.

Wenn Sie also am Samstag, 14. Juni 2014, 15 Uhr, noch nichts anderes vor und Lust auf einen exklusiven Anlass in traumhafter Kulisse haben, kommen Sie doch spontan vorbei. Ein Beitrittsformular liegt auf der Schlossterrasse für Sie bereit!

Auf jeden Fall eine (Schiffs-)Reise wert: Das Schloss Oberhofen am Thunersee.

Auf jeden Fall eine (Schiffs-)Reise wert: Das Schloss Oberhofen am Thunersee.

«Meine Barbie war Pfahlbauerin»

Nachdem ich Ihnen bereits im letzten Blog einige Interna aus unserer archäologischen Abteilung ausgeplaudert habe, möchte ich Ihnen in diesem Beitrag eine Mitarbeiterin aus unserem Hause vorstellen, die für das Zustandekommen der kommenden Wechselausstellung eine zentrale Rolle spielte: Sabine Bolliger Schreyer, Kuratorin Archäologie.

Ans Bernische Historische Museum kam Sabine Bolliger Schreyer im Jahr 2001, um als wissenschaftliche Assistentin bei der Neueinrichtung unserer Dauerausstellung «Steinzeit, Kelten, Römer» mitzuarbeiten. Doch die Pfahlbauer hatten sie schon ihr ganzes Leben lang begleitet. Schon als Kind, so sagt sie, sei sie fasziniert gewesen vom Leben der Menschen während der Stein- und Bronzezeit. An Sonntagen wurde die Familie regelmässig zu Museumsbesuchen überredet – und selbst ihre Barbie-Puppe war Pfahlbauerin.

Während und unmittelbar nach dem Studium der Archäologie in Zürich arbeitete Sabine bei Grabungen und sammelte Erfahrung in der Forschung. Ihre erste Anstellung führte sie ans Kantonale Museum für Urgeschichte(n) in Zug. 1991 wirkte sie bei der Ausstellung «Pfahlbauland» auf der Landiwiese in Zürich mit, die damals fast 400’000 Besucherinnen und Besucher anzog und zu einer neuen Popularität der erlebnisorientierten Archäologie führte. Sabine war zuständig für die Einrichtung der Ausstellung, aber auch als Animatorin und Museumsführerin tätig, und entdeckte so ihre Freude an der Vermittlung – was wiederum den Ausschlag für ihre berufliche Zukunft am Museum gab.

Sabine Bolliger Schreyer ist heute Kuratorin in unserer Abteilung Archäologie und Ausstellungskuratorin der Wechselausstellung «Die Pfahlbauer – Am Wasser und über die Alpen». Sie war es, die im Sommer 2003 den Anruf jener Wanderin entgegennahm, die am Schnidejoch einen auffälligen Gegenstand gefunden hatte, der später das Bild der Pfahlbauer revolutionieren sollte; sie war es, die diesen Gegenstand als erste nach der Finderin zu Gesicht bekam (Details dieser Geschichte im Blogbeitrag «Am Wasser und über die Alpen»). Die Wanderin verhalf Sabine damit zum wohl aufregendsten Moment in ihrer Berufslaufbahn – und dem Museum letztlich zu einer spannenden Wechselausstellung!

Sabine Bolliger Schreyer bei der Einrichtung unserer kommenden Wechselausstellung «Die Pfahlbauer – Am Wasser und über die Alpen»

Sabine Bolliger Schreyer bei der Einrichtung unserer kommenden Wechselausstellung «Die Pfahlbauer – Am Wasser und über die Alpen»